Montag, 15. Dezember 2014

Interview: Christian Hoja über Cellurizon, deutsche Filmblogs und Leser - „Ich habe einen ganz großen Schritt vor.“

In der vergangenen Woche habe ich Euch Wulf Bengsch von Medienjournal.de vorgestellt. Genau wie Mr. Media Monday ist auch Christian Hoja von Cellurizon stolzes Mitglied meiner #DerFilmtippAward-Jury. In meinem kleinen Interview mit ihm spricht er über seine Anfänge als Filmblogger, den Stand der deutschen Filmbloggerlandschaft und seine Filmes des Jahres 2014. Die Sache mit Godzilla, lieber Christian, klären wir noch ;) 

Micha: Hi Christian, dankeschön für Deine Teilnahme als Jurymitglied. Ich fühle mich ein bisschen geehrt, da ich Deinen Schreibstil und Cellurizon insgesamt super unterhaltend finde. Wie bist Du ans Bloggen geraten?

Christian: Moin Michael, danke für’s Lob und die Ehre ist natürlich ganz meinerseits. Mit dem Bloggen habe ich 2008 auf MySpace angefangen, in einer Phase, in der ich am literarischen Schreiben gerade die Lust verloren hatte. Ich wollte aber schon weiterhin irgendwas schreiben und was kreatives mit meiner Freizeit anfangen und hab deswegen eine Leidenschaft mit der anderen verknüpft und einen kleinen MySpace-Blog namens ChristiansFoyer aufgemacht, damals ausschließlich mit Kritiken und Star-Portraits. Das erste Feedback kam, der Spaß am Bloggen wuchs, die Ambitionen und das Programmier-Know How auch und jetzt steht da halt das Cellurizon, wie man’s heute kennt.

Micha: Du schreibst auf Deiner Seite, Deine Begeisterung für Horrorfilme hat sich mit Scream verabschiedet. Gibt es aus dem Genre denn heute gar nichts mehr, was Dich noch interessieren könnte?

Christian: Also eine richtiggehende „Begeisterung für Horrorfilme“ gab es eigentlich nie, in der Pubertät zieht man sich halt viel „Verbotenes“ rein. Ich verfolge das Genre generell schon noch mit einem gewissen Interesse (wie im Grunde annähernd jedes Genre, denn: wenn es Film ist, ist es interessant), weil ich über Strömungen und sowas auf dem Laufenden sein will, um zumindest halbwegs kompetente Einschätzungen abgeben zu können. Aber nur wenig aus dem Horrorbereich reizt mich, es mir tatsächlich noch anzusehen. Ti West soll ja zum Beispiel ein ganz spannender Regisseur sein und begrüßenswerterweise geht der Trend seit einiger Zeit wieder weg vom Folterhorror und wieder mehr hin zum echten Grusel. Aber mich schocken und erschrecken zu lassen ist als Reizimpuls einer Filmerfahrung einfach nicht mehr mein Ding ;)

Godzilla - ich habe ihn für den besten Film des Jahres vorgeschlagen. Christian sieht das anders :)
© Warner Bros.
Micha: Welche Filme waren Dein Highlight 2014 und was war Dein erster Gedanke, als Du die Nominiertenliste der #DerFilmtippAwards gesehen hast?

Christian: Was der klappsige Godzilla unter den Nominierten für den besten Film zu suchen hat! Mein persönliches Top-Quintett in diesem Jahr (alles vorläufig und ohne bestimmte Reihenfolge und auch nur das berücksichtigend, wozu ich eine Kritik geschrieben habe) waren The Wolf of Wall Street, Edge of Tomorrow, Snowpiercer, der von allen Seiten komplett falsch angegangene und zu Unrecht schlecht bewertete Schwarzenegger-Actioner Sabotage und als gemeinsame fünfte Nennung das Marvel-Doppel aus Captain America: The Winter Soldier und Guardians of the Galaxy. Sehr nice waren auch Enemy, Zulu oder Under the Skin. Aus überwiegend Low- bis bestenfalls Midlights bestand hingegen der diesjährige Blockbuster-Sommer (bis auf die „Guardians“).

Micha: Für einen unabhängigen deutschen Filmblog hast Du eine beachtliche Reichweite in den sozialen Netzwerken. Kannst Du Dir das selbst erklären?

Christian: Ja. Weil ich so viele Gewinnspiele veranstalte :D Aber mal ernsthaft: ich wäre froh, wenn ich davon ausgehen könnte, dass der Großteil meiner Facebook-Fans aufgrund eines Faibles für meine Berichterstattung, Freude an meinen Kritiken usw. auf meiner Seite gelandet wäre, aber in Wahrheit trifft das nur auf einen verhältnismäßig kleinen Anteil zu. Einige Filmbuddys (darunter auch Bloggerkollegen) verfolgen meinen Output tatsächlich schon seit mehreren Jahren sehr regelmäßig (und vice versa) und das freut mich ungemein, da das Leute sind, deren Umgang und Standpunkte zum Medium Film mir sehr zusagen und mir ihre Treue zeigt, dass ich ein paar Sachen durchaus richtig mache und dass ich damit eine Leserschaft erreichen kann, die ich mir wünsche und ansprechen will: meinungs- und diskussionsstarke Kenner, deren Horizont nicht beim Blockbuster von letzter Woche endet.

Aber, let’s face it: die Mehrheit der Fans kommt halt über das Gewinnspielangebot und schert sich ansonsten nicht groß um das, was daneben so auf Cellurizon läuft. Und wenn die Non-Gewinnspiel-Topics nichts mit Star Wars oder der nächsten Comicverfilmung zu tun haben quillt die Interaktionsrate mit meinen Beiträgen auch nicht gerade über. Aber das ist eben der sprichwörtliche Drahtseilakt bei Social Media-Präsenz und Filmberichterstattung allgemein und FB (Reichweitenbeschneidung), Twitter (Unübersichtlichkeit bei rappelvoller Timeline) und Google+ (nutzen halt wenige) machen es einem nicht einfacher, wenn man nicht auf Mechaniken wie Clickbaiting und co. setzen will…

„Es muss immer auch einen Haudrauf-Affen wie Michael Bay geben“

Micha: Was mir bei Deinen Postings und Deinen Artikeln sofort auffiel, wir scheinen eine ähnliche Filmjugend gehabt zu haben. Jedenfalls was Filme wie Jurassic Park, Mad Max oder Terminator angeht. Ganz persönliche Frage daher: was hältst Du von Con Air, Independence Day und Armageddon? ;)

Christian: Con Air ist so der typische Mid-90ies-Actioner und gefällt mir heute nicht mehr so gut wie früher, im Gegensatz zu zum Beispiel The Rock. Independence Day verliert für mich außerhalb der Kinoleinwand so ziemlich alles, was an dem Film irgendwie reizvoll ist und das Emmerich’sche Katastrophenkino und die ganze Art, wie der Schwabenbube seine Filme aufzieht, mag ich mir nicht mehr gerne ansehen. Armageddon habe ich lange nicht gesehen, aus dem Gedächtnis macht der aber Spaß. Ich bin auch kein Bay-Hasser. Es muss zu allem einen Pol oder ein Gegengewicht geben. Und zu jedem versierten Filmemacher mit raffinierten Erzähltechniken und so weiter muss es drum immer auch einen Haudrauf-Affen wie Bay geben ;)

Stimme Christian zu: The Rock ist ein klasse Film
© Buena Vista International
Micha: Ich habe den Award auch ins Leben gerufen, weil ich finde, dass Filmblogger untereinander nicht konkurrieren, sondern bestenfalls kooperieren sollten. Wie siehst Du die deutsche Filmblogger-Landschaft?

Christian: Entspannter als noch vor einiger Zeit. Mit meinem Kontaktkreis bin ich total im Reinen und mir persönlich ist lange keiner auf eine Art blöd gekommen, die mich die deutsche Filmblogosphäre einstmals sehr kritisch oder quasi als non-existent betrachten ließ. Und ich will da nicht ewig auf ollen Kamellen rumreiten, deswegen begrüße ich, was sich da in den vergangenen Monaten und vermutlich initiiert durch den Wachrütteltext von Alex Matzkeit auf Real Virtuality getan hat, und ich begrüße ebenso eine Aktion wie deine Awardverleihung mit Jury aus diesen Kreisen. Daran, dass innerhalb der Cluster der Filmblogosphäre weiterhin viel eigene Suppe gekocht wird, hat sich aber wohl nicht so viel geändert und ich denke, da kann man auch keinen Lösungsansatz schaffen, der irgendwie zweck- oder überhaupt sinnführend ist. Fernsehsender, Filmstudios oder bspw. Konsolenhersteller könnten sich auch alle an einen Tisch setzen und gemeinsam tolle Megaprojekte austüfteln und die Welt damit beglücken, aber: Konkurrenz bleibt dennoch irgendwo Konkurrenz und wenn (nur so als Beispiel) zwanzig einzelne Fimblogger ohne große Subjektivierung des Themas den neuen Star Wars-Trailer posten, statt auf den Beitrag desjenigen zu verlinken, der ihn als erstes online hatte, dann möchte eben jeder sein Stück vom Kuchen der Macht. Aber so lange ein Blog echte Intentionen und ein Konzept verfolgt (viele sprießen ohne beides hervor und verschwinden dann auch schnell wieder) und so eine Meinungsvielfalt entsteht, die nicht zwingend kooperieren, sondern gesund koexistieren kann, ist das soweit auch völlig in Ordnung.

Micha: Kannst Du mir als Jurymitglied noch einen Tipp geben, welchen Film ich bis zum Ende des Jahres gesehen haben sollte?

Christian: Jeden, denn wie weiter oben erwähnt: wenn es Film ist, ist es interessant. Oder, wenn du so viel Zeit nicht hast, zum Beispiel die ebenfalls schon erwähnten Enemy und Under the Skin, wenn’s mal „was anderes“ sein soll.

Micha: Was dürfen Deine Leser 2015 von Dir erwarten?

Christian: Viel. Ich tüftel im Hintergrund ununterbrochen an Cellurizon und wenn die Seite ihren nächsten Optimierungsschritt hinter sich hat (ich bin halt erst heute und nach sechs Jahren im Selbstlehrgang gut genug im Programmieren, um langgehegte Wünsche für die Seite umzusetzen) habe ich einen ganz großen Schritt vor, der bisher aber erst einem kleinen, exklusiven Kreis offenbart ist. Ansonsten bleibt eigentlich alles wie gehabt, bei mir sind Intention und Konzept nach sechs Jahren gefestigt und funktionieren so weit ja auch ganz gut.

Micha: Ich bin gespannt welcher große Schritt damit gemeint ist und wünsche Dir mit Cellurizon weiterhin viel Spaß und Erfolg! Dankeschön für das Interview, Christian:)

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen