Montag, 17. März 2014

Selbstjustiz im Kino - Umstrittene Helden, gesetzlose Kultfiguren

„Für meine Familie würde ich töten“ – viele denken es, kaum jemand traut sich es öffentlich zu äußern. Schauspieler Christian Bale wagte diesen Schritt vor ein paar Tagen. Mutig, doch nicht ohne Hintergedanken. Anfang April läuft Auge um Auge in den deutschen Kinos an. Und dort spielt Bale eine Person, die das Gesetz in die eigene Hand nimmt. Selbstjustiz hat sich in Hollywood zu einem Sub-Genre entwickelt, dass die Zuschauer fasziniert. Die Hauptfiguren erfahren Leid und Verlust. Aus ihrer Frustration gegenüber gesetzlich eingeschränkter Unterstützung sehen sie – mit dem Zuschauer zusammen – nur noch einen Ausweg: Eigeninitiative.

Die bewehrte Methode der Filmemacher folgt dabei einem strengen Muster. Der Zuschauer muss schnell Sympathie für die Figur entwickeln, bevor sich die Logik durchsetzt. Das illegale Handeln wird dadurch nicht immer schöngeredet, aber schnell als „notwendig“ akzeptiert. Schließlich wurde der brave Normalbürger vom Gesetz im Stich gelassen. Von dort an wünscht der Betrachter dem „Helden“ Glück, denn er verkörpert den Mut, den man selbst vielleicht nicht hätte. Zumindest verkörpert er den Freigeist, der die gesetzlichen Grenzen nicht hinnimmt, wenn es darum geht eine geliebte Person zu retten oder zu rächen. Selbstjustiz ist schick. Der Täter ein dunkler Ritter. So bezeichnet „Batman“-Christian Bale seine neue Rolle als Rächer-Bruder auch als
„ehrenhaft“.


Von Rittern, Rächern und Richtern

Uma Thurman avancierte als Beatrix Kiddo in Quentin Tarantinos Kill Bill Vol. 1 und Vol. 2 zu einer wahren Kultfigur der Selbstjustiz. Selbst nach ihren Mehrfachmorden, manche würden es Massaker nennen, begegnen ihr sogar ihre stärksten Widersacher noch mit Bewunderung. Große Namen scheuen nicht vor diesen Rollen, eben weil sie so interessant und fragwürdig sind. In Die Fremde in Dir versucht sich Oscar-Gewinnerin Jodie Foster als unerprobte Rächerin ihres ermordeten Verlobten. In Vier Brüder machten Mark Wahlberg und Terrence Howard das Genre „straßentauglich“, während der Klassiker Straw Dogs – Wer Gewalt sät mit Dustin Hoffmann im Jahre 2011 neuverfilmt wurde.

Wenn wir aber von Rittern und Helden sprechen, dann denken viele Kinogänger meiner Generation an den Namen Bryan Mills. Der Entführungs-Thriller 96 Hours holte Liam Neeson aus der Versenkung. Die Null-Toleranz-Grenze gegenüber Tätern, die unmoralische Herangehensweise und das rücksichtlose Tempo mit dem der Ex-Topagent Mills seine Tochter aus den Fängen albanischer Frauenhändler befreit, wirkten damals selbst für Fans des Genres neu und überraschend. Mittlerweile befindet sich der dritte Teil dieser Reihe in der Drehbuchphase.


Nicht ganz so nüchtern, aber in meinen Augen ein weiterer „Held“ der Do-It-Yourself-Freunde ist der von Gerald Butler gespielte Clyde Shelton. Dieser nutzt in Gesetz der Rache geschickt Lücken im Rechtsystem um die Mörder seiner Familie trotz eigener Inhaftierung hinzurichten. Dabei wirkt er nicht nur wie ein charmantes Schlitzohr und lässt sogar den gefeierten Star-Anwalt Jamie Foxx alt aussehen – nein, er spricht die Kritik an den Systemfehlern der Justiz offen aus und prangert sie an. Nicht zu verwechseln ist der Film übrigens mit dem eher schwachen Pakt der Rache, in dem Nicholas Cage einen Angriff auf seine Frau mit Hilfe einer Untergrundorganisation für Selbstjustiz rächen will und dabei selbst in Gefahr gerät.

Wie weit würdest Du gehen? Allein mit diesem Satz locken Trailer den einen oder anderen schon ins Kino. Man kann es drehen und wenden, wie man möchte. Mit einer guten Begründung und einer glaubhaft dargestellten Ohnmacht der Justiz werden die selbsternannten Gesetzeshüter niemals völlig out sein. Zu sehr spiegeln sie den Wunsch so vieler Zuschauer wider, einmal das Gesetz selbst in die Hand zu nehmen und Dampf abzulassen. Gesetzlos für das Gute - ein Reiz, dem sich nur wenige entziehen können. „Wenn es darum geht, ein Leben zu retten, indem man ein anderes auslöscht, könnte ich nicht anders handeln“, sagt Christian Bale. Der gute Zweck heiligt die Mittel und genau das ist das Erfolgsrezept, wenn auch nur auf der Leinwand.

(Der-Selbstjustiz-Filmtipp: Prisoners, mit Hugh Jackman, Terrence Howard und Jake Gyllenhaal. Weitere: Taxi Driver, Der blutige Pfad Gottes 1+2, Irreversibel, Dirty Harry, Falling Down, Payback, Oldboy, Desperado, Shooter und so ziemlich jede Superhelden- und Comic-Verfilmung von Batman über Sin City bis Kick-Ass.)

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