Dienstag, 11. November 2014

Offener Brief an Jan Küveler von „Die Welt“: Mitschwimmen ist heillos überschätzt

Lieber Jan Küveler,

was haben Sie eigentlich von Interstellar erwartet? Eine Dokumentation über Astrophysik, oder eine Geschichte, die so simpel gestrickt ist, dass jeder Depp sie versteht? Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Ernsthaft, Ihr offener Brief an Christopher Nolan klingt, als hätte ihn ein enttäuschter Fan verfasst, der gerade zufällig einen Fremdwort-Duden unterm Arm hatte und seinen Frust loswerden musste. Aber ein Nolan-Fan sind Sie nicht, Sie attackieren gleich seine gesamte Regie-Karriere.

Aussagekraft. Wo?
Immer schön den Konjunktiv verwenden, damit auch deutlich bleibt, welch intellektuellen Anspruch der Autor an sich und seine Leser stellt. Aber nun gut, ich schweife ab. Ihre reißerische Überschrift lautet „Warum Christopher Nolan heillos überschätzt ist“. Infolgedessen resümieren Sie sein Debüt Memento in einem Satz, geben anschließend ehrlicherweise zu Insomnia nicht einmal gesehen zu haben, nur um danach auch zu Prestige nur einen inhaltlichen Satz beizusteuern. Wow! Ich darf als Leser nun also annehmen, dass sich Ihre Überschrift auf drei gesehene Comic-Verfilmungen und zwei Science Fiction Geschichten beziehen. Massenkompatible Produktionen mit einem Budget von fast 900 Millionen Dollar.

Ein bisschen kindisch
Es ist schon eklatant wie sehr Sie den Lesern Ihre Meinung auf Bild-Niveau einhämmern möchten. Sie reduzieren die Batman-Trilogie und Inception auf einzelne, unwichtige Szenen, die sogar im Trailer schon gespoilert wurden und versuchen ernsthaft danach noch glaubhafte, inhaltliche Kritik äußern zu können? Das erinnert mich an meine Jugend. Wenn mir dort etwas nicht passte, warum auch immer, dann war mein schlagfertigstes Argument meistens "weil das einfach doof ist". Heute hätte ich bessere Argumente. Sie nicht.

Batman vielleicht nochmal gucken?
Angestrengtes Overacting? Natürlich war das Overacting, es war auch Overacting als Jack Nicholson den Joker spielte. Der Joker ist Overacting! Der Joker ist unkontrollierbar wie seine Gesichtszüge, er repräsentiert Chaos. Heath Ledgers Joker löst allenfalls Unbehagen aus und die Kunst eines Filmkritikers sollte darin bestehen dieses nicht negativ auszuwerten, sondern vielleicht als besonders eindrucksvoll. Und Christian Bale als humorlos zu betiteln ist gewagt. Er schrieb meines Wissens nach nicht das Drehbuch, also auch nicht die gesprochenen Texte. Ich frage mich hier, ob die Batman-Trilogie überhaupt witzig sein wollte? Glaube nicht. Abgesehen davon: Katie Holmes ist nur in Teil 1 zu sehen, in Teil 2 wird ihre Rolle von Maggie Gyllenhaal übernommen. Überhaupt Gemerkt? Sie meinten sicherlich Rachel Dawes, aber wen Sie Nolans Karriere so zerpflücken und nach jedem kleinsten Fehler suchen, dann darf ich das auch mit ihrem Brief machen. Bäh!

© Warner Bros

 Sind wir alle Wissenschaftler und Drehbuchautoren!?
Wie stellen Sie sich eigentlich einen intelligenten Blockbuster vor, Herr Küveler? Ich kann in ihrem ganzen Brief kein positives Beispiel erkennen. Stattdessen regen Sie sich über "Gequatsche" auf, darüber, dass sich die Figuren gegenseitig Plots erklären. Ist es nicht die Kunst eines Filmemachers, gerade aus Dialogen Spannung zu erzeugen? Ohne Ballerei, Beleidigungen und Action? Christopher Nolan selbst gibt völlig offen zu, dass seine Filme immer Logiklücken haben werden, weil sie Raum für Fantasie und Interpretationen lassen. Weil er Regisseur ist und nicht Traumwissenschaftler oder Astrophysiker. Diese Herrschaften könnten mit Sicherheit auch nicht fehlerfrei einen Film inszenieren. Aber die Nolan-Brüder sind ambitionierter, möchten Massen ansprechen ohne dabei in Michael-Bay-Stumpfsinn zu verfallen. Sie suchen sich schwierige Themen. Ist das jetzt tatsächlich ein Fehler, nur weil das mehr Raum für Logik-Lücken bietet?

Omma, tu ma die Kinder
Diese Frage wurde ziemlich früh im Film erklärt, kurz vor oder nach der Szene in der die Großmutter den Kindern den Telefonhörer wegnimmt. Dort wo klar wird, dass Sie, weil sie ihm die Schuld an Mals Tod gibt, gar nicht will, dass Dom Cobb seine Kinder sieht. Ist Ihnen das entfallen? Wurde vielleicht zu wenig gequatscht?

Lassen Sie den Hans in Ruhe!
 Die von Hans Zimmer eingestreute Musik ist doch gerade in Interstellar ausnahmsweise mal nicht übertrieben bombastisch?! Oder zumindest nicht so penetrant und aufdringlich?! In den meisten Fällen höre ich dezente Klavier- und Orgeltöne, die zugegeben richtig laut werden. Es ist doch aber eben dieser Score, der retromäßig an alte Weltraumfilme erinnert und die Atmosphäre auf diesem Trip bestens einfängt. Eine Frage, haben Sie auch Probleme mit der Vertonung von Filmen wie Godzilla oder Gone Girl? Ich fange an zu vermuten, dass Sie einfach ein Problem mit Musik als Spiegel des Spannungsbogens haben. Ich für meinen Teil bin froh, wenn nicht mehr in jedem x-Beliebigen Krimi hektische, orchestrale Musik das Geballer begleitet wie in den 80ern.

Und dann wieder diese Witz-Geschichte...Interstellar ist unwitzig? Soll Interstellar denn überhaupt witzig sein? Es hat mich eine Seite lesen in der Cinema gekostet, um zu sehen, dass Nolan seinen Filmen die postapokalyptische Grundstimmung verpassen will und nicht den Spaß an den Sternen. Daran gemessen und in Relation zum schwierigen Plot waren TARS und Case durchaus für entspannende Schmunzler mit eingebaut. Das konnten oder wollten Sie offensichtlich aber nicht sehen, Herr Küveler.

Bitte nur aalglatt, geschliffen und unflexibel
Wenn ich Filmfiguren erleben möchte, deren Charakteristik so steril und vorhersehbar ist, wie Sie es offensichtlich wünschen, dann schaue ich GZSZ oder Filme von Roland Emmerich. Ich lese aus Ihrer Kritik nur, dass Sie keine Überraschung tolerieren, wenn Ihnen vorher ein anderes Bild vermittelt wurde. Das Dinge wie Lügen, Heuchelei oder Widersprüchlichkeiten aber menschlich sind und damit vielleicht sogar realistischer als der erste Eindruck, das ziehen Sie offensichtlich nicht in Erwägung.

Ja, warum denn jetzt eigentlich nicht?
...oder drittens der Verfasser dieses offenen Briefes in Erklärungsnot bei Verständnisfragen bringen würde...

Quatsch Conaughey Club?!
Schon wieder fehlt Ihnen Rasanz und Komik...könnte es sein, dass Sie vielleicht in der Comedy-Welt besser aufgehoben wären? Nicht als Programm, sondern als Zuschauer, der sich endlich zurücklehnen kann und Witz auf Witz um die Ohren gefeuert kriegt? Sind Sie vielleicht mit einer falschen Erwartungshaltung in die Filme von Christopher Nolan marschiert? Es gibt auch durchaus witzige Blockbuster, wie zum Beispiel Teenage Mutant Ninja Turtles, White House Down oder Transformers - nur sind die halt schlecht.

 Endlich Ende.
Ich habe mich gerade durch zwölf Absätze hohlen Getöses gekämpft und kann behaupten, dass im Vergleich dazu Interstellar großes Unterhaltungskino mit Anspruch war. Da hilft auch die zynische Bemerkung 'dass Sie das eigentlich können, daran zweifelt doch keiner' nichts. Ihre Überschrift vergleicht die Freude an Nolan-Filmen mit einer Krankheit und betitelt ihn als überschätzt und am Ende fällt Ihnen nicht mehr ein als ein bisschen Nietzsche und Heuchelei?

Aber es passt in die gespaltene Stimmung der Masse. Nolan bringt zwei schwierige Filme auf die Leinwand. Ein paar RTL-Fans verstehen nichts und beschweren sich über Langatmigkeit und zu wenig Action und schon findet der Schreiberling den Zug auf den er aufspringen kann. Er entscheidet sich für Nolan-Bashing, wahrscheinlich weil's einfacher ist, als sich stundenlang mit Kip Thornes Idee auseinanderzusetzen. Sich über einen Trend aufregen und dabei selbst mitschwimmen. Wenn etwas heillos ist, dann doch wohl das!



(alle Screenshots aus: Die Welt: http://bit.ly/1sygkmi)

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