Die Oscars 2015 klopfen an die Tür. Aus diesem Grund möchte ich
Euch zum Wochenende den Film empfehlen, dem ich in jeder Kategorie die Daumen
drücke, in der er nominiert ist. Die Rede ist von Birdman oder die unverhoffte
Macht der Ahnungslosigkeit. Michael Keaton (Jackie Brown, White Noise, u.a.) spielt aus vielerlei
Hinsicht die Rolle seines Lebens in einer Dramödie, die es so noch nie gab. Sie
ist nichts für zwischendurch, kein Popcorn-Kino und ihre neun Nominierungen die
unfreiwillige Selbstironie schlechthin.
Worum geht es überhaupt? Früher gefeierter Hauptdarsteller der Blockbusterreihe „Birdman“. Heute Ehekrise, Finanzprobleme, keine Aufträge mehr. Auf verzweifelter Jagd
nach Anerkennung und Aufmerksamkeit inszeniert Riggan Thomson eine Broadway-Adaption
von Raymond Carvers „What We Talk About When We Talk About Love“. Bis zur
Premiere muss Riggan sich allerdings zig Problemen stellen. Sein engagierter
Star-Act ist eine wirre Diva, seine Tochter und Produktionsassistentin ist drogenabhängig, Kritiker verurteilen sein Vorhaben und ganz nebenbei quält ihn eine Stimme
im Kopf, die ihm sagt, er solle lieber den 4. Teil von „Birdman“ drehen.
Viel Theater, wenig Schnitte
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Allein aus technischer Sicht liefert Regisseur Alejandro
González Iñárritu (Babel, 21 Gramm, u.a.) ein Machwerk par excellence ab. Wir
beobachten und verfolgen im Grunde nichts weiter als Riggan Thomsons
Vorbereitungen auf die Premiere seines Broadway-Stücks. Kameramann Emmanuel
Lubezki schickt die Kamera dynamisch durch jeden Flur, jedes Büro, jede Bühne.
Meistens einen Protagonisten verfolgend. Und ganz wichtig: Ohne Schnitt und
Pause. Jedenfalls über Dreiviertel des Films und aus Sicht des Zuschauers, denn
der digitale Schnitt ist für ihn unsichtbar. Die Liebe steckt hier im Detail.
Zu Beginn wundern wir uns über die seltsam musikalische Untermalung von Drums,
die mal leiser im Hintergrund erklingen, mal penetrant laut scheinen.
Irgendwann sehen wir: Vor dem Theater spielt ein Straßenmusiker unaufhörlich Jazz-Drums.
Stand Riggan mal am Fenster hörten wir diese lauter, stand er zwei Flure weiter
weg, hörten wir den Drummer nur im Hintergrund. Klasse! Es gibt so viele dieser
Tricks und Spielereien…machen wir mit den Darstellern weiter.
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| Abgefuckt, kaputt, verzweifelt. Menschen im Business. © Fox Searchlight Pictures | 20th Centruy Fox |
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Birdman ist eine Mischung aus Theater, Kino und dem echten
Leben. Und er erzählt Anekdoten aus Michael Keatons reellem Werdegang. Das ist kein Scherz.
Wer sich ein wenig mit Kino auskennt weiß, Keatons größte Rollen waren Batman
und Batmans Rückkehr in den 90ern. Danach verschwand er fast von der
Bildfläche. Keaton spielt sich hier also in Teilen selbst - und das selbstironisch,
ehrlich und intensiv. Begleitet wird er dabei von einem genialen Edward Norton,
einer herrlich ironischen Naomi Watts, dem abgespeckten Zach Galifianikis und
Emma Stone, die endlich mal zeigt was sie wirklich kann. Nein, hier ist
wirklich keine Rolle fehlbesetzt oder halbherzig geschrieben.
Die Bedeutung von Liebe und innerer Zufriedenheit
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In Birdman geht es um den Wunsch geliebt zu werden bzw. um
Riggans Interpretation dessen. Seine Ex-Frau stellt später folgerichtig fest,
dass er diesen Wunsch mit dem Wunsch nach Bewunderung und Anerkennung
verwechselt. Das wiederum passt zu dem Zitat, welches uns vor dem Film serviert
wird und es ist auch kein Zufall, dass Riggans Theaterstück „What We Talk About
When We Talk About Love“ heißt. Er ist eine verlorene Seele, die nach und nach
dem Wahn verfällt. Äußert sich Riggans Schizophrenie anfangs noch durch eine
bloße Stimme im Kopf (Vogel = Birdman) und Halluzinationen von
telekinetischen Superkräften, wird sein Alter Ego später sichtbar und treibt
ihn bis auf die Dächer New Yorks.
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| Seine Darsteller muss man sich erziehen. © Fox Searchlight |
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Und dann ist da dieses Ende, mit dem viele Zuschauer ihre
Probleme haben werden. Sagen wir mal so, es lässt unglaublich viel Raum für
Interpretationen. Ich ziehe mich geschickt aus der Affäre, vermeide es Euch
hier zu spoilern und verweise auf die Interpretation
meines Filmblog-Kollegen Ma-Go Filmtipps. Mit seinen Gedanken zum Finale
kann ich mich komplett anfreunden und meinen Frieden damit machen.
Fazit:
Birdman oder die
unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit ist mehr Arthouse als Mainstream. Anders formuliert: RTL-Fans finden den bestimmt langweilig. Er verpasst dem Popcorn-Kino immer wieder Seitenhiebe. Umso
ironischer ist es, dass Michael Keatons Comeback in Hollywood so abgefeiert
wird und der Film neunmal für die Oscars nominiert wurde. Verdient hat er es
alle mal. Will heißen: Vielleicht haben wir bereits jetzt schon den besten Film
des Jahres gesehen. Ich bin jedenfalls begeistert!









Danke dass du mich in deinem Artikel erwähnst! Paradoxer Weise finde ich deine Kritik echt gut, da ich allen Punkten zustimmen muss.Toller Hauptdarsteller, tolle Kamera, toller (Nicht)Schnitt... Und trotzdem fand ich Birdman langweilig, weil die Story so öde ist. Und ich seh mich nicht als RTL-Zuschauer ;)
AntwortenLöschenAber deinem Text entnehme ich, dass Du ihm eine Chance gegeben hast und ihn zuende geguckt hast. Ich wette viele dieser "RTL-Jungs", die ich meine, haben das nicht ;)
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