Wer mit der gefühlt hundertsten „Schweiger- oder Schweighöfer“-Komödie
nichts anfangen kann, dem wird leider selten alternatives Genre-Kino geboten. Jedenfalls
wird damit nicht großartig geworben. Mit Filmen wie Stereo traut sich der
deutsche Film endlich mal wieder mehr zu, die meisten dieser Versuche verweilen
aber im Geheimtipp-Status. Die Muse ist ein solcher Geheimtipp. Filmblogger und
Regisseur Christian Genzel (Schlaflos, Tutmosis, u.a.) veröffentlicht sein
Debüt demnächst als Video on Demand und ich hatte das Vergnügen, mir seinen
Film schon vorher ansehen zu dürfen.
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| © High 5 Films |
Kurz und knapp zur Story: Studienabbrecherin Katja (Henriette
Müller, Berlin Calling u.a.) wacht in einem Käfig auf. Schriftsteller Peter (Thomas Limpinsel, Shoppen u.a.) hält
sie dort gefangen. Er möchte sie dazu bringen ihn bei seinem neuen Werk als
Muse zu dienen. Freiwillig, denn sein neues Werk sei so bedeutend, dass sie es
verstehen müsse. Katja ist „not a muse(d)“…Gott, entschuldigt das schlechte
Wortspiel. Jedenfalls entsteht ein Machtkampf
zwischen den beiden, der es in sich hat.
„Wozu sind wir denn hier, wenn wir nicht etwas hinterlassen,
dass unsere Existenz rechtfertigt?“
Gleich zu Beginn punktet der Film durch seine düstere Atmosphäre,
untermalt von orchestralen und jazzigen Musikeinwürfen. Ohne viel Vorgeplänkel startet
Katjas Albtraum in Gefangenschaft. Verwirrt und eingesperrt aufzuwachen muss
ein schlimmes Erlebnis sein, ich fühlte mich hier ein wenig an Saw erinnert.
Die Muse ist aber kein Horrorschinken, sondern ein Kammerspiel. 90 Prozent des
Streifens spielen sich im Keller ab. Ein Aufeinandertreffen zweier
Charaktere, die unterschiedlicher nicht sein könnten. „Mich interessiert die psychologische Dynamik zwischen
Menschen - in diesem Fall zwischen Täter und Opfer. Da versuchen zwei Leute, in
den Kopf des jeweils anderen hineinzukommen, und beide sind auf ihre Art
Gefangene“, so Genzel, der auch das Drehbuch schrieb.
Auf der einen Seite haben wir die verängstigte Entführte,
die versucht Herr ihrer Sinne zu bleiben und trotz ihrer Verzweiflung Mut zu
Befreiungsplänen entwickelt. Gegenüber am Schreibtisch sitzt ihr Peiniger, der die bürokratische
Ruhe eines Psychologen in sich trägt. Mit Geduld und der Bitte um Verständnis
versucht er Katja die Situation als logisch und unausweichlich klarzumachen.
Thomas Limpinsel trägt den Film mit seiner nüchternen Spielweise, die von
Beginn an authentisch beängstigend wirkt. Seine Figur ist es allerdings auch, der
mehr Tiefe verliehen wird. So erfährt der Zuschauer mehr über dessen Bewegründe,
als Opfer Katja.
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| © High 5 Films |
Schön psychopathisch, wie er Katja im höflichen Ton erklärt, warum
er sie auswählte und sie mit ihrem Alltagstrott erniedrigt: „So trostlos das auch
für sie ist, nach Hause zu kommen ist noch viel schlimmer.“ Dabei kommt immer mehr ans Licht, dass es eigentlich Peter ist, der unter seinem Leistungsdruck und der finanziellen Notlage seelisch zerbricht.
Weitere gut inszenierte Momente sind die, in denen Peter (von Katja ausschließlich „Fischer“ genannt) ihr den Rücken zu
wendet, als wolle er sie mit Ignoranz bestrafen. Oder die kleineren
Überraschungen, wie die Handy-Szene und den Messertest. Ja, Genzel lässt den
Zuschauer mit Katja zusammen ausharren, was die ein oder andere Überlänge mit
sich bringt. Trotzdem bleibt der Spannungsbogen erhalten und mündet in ein
Finale, dass Spannung pur bietet – dem nüchternen Charakter des Gesamtfilms
aber treu bleibt.
Wenig Hollywood - zum Glück
Wer Filme wie Misery mit Kathy Bates oder Extremities mit Farrah Fawcett gesehen hat, der weiß,
dass die Grundidee des Films nicht sonderlich neu ist. Anders ist aber die
Herangehensweise. Zum Glück vermeidet Genzel es auf altbewährte Klischees wie
das Stockholm-Syndrom, klingelnde Cops oder suchende Freunde zu setzen. Selbst
die blutigen, „Action“-lastigen Momente sind eher dezent eingestreut, wodurch Die
Muse glücklicherweise nicht auf den trendigen Torture-Porn und Rape’n’Revenge Wellen
mit surft. Schön zu sehen, wenn ein deutscher Film gar nicht erst versucht amerikanisch zu sein.
Fazit: Die beiden Hauptdarsteller liefern ganze Arbeit und
können dank eines guten Drehbuchs an der typisch übertriebenen
Hollywood-Theatralik vorbei, authentisch und menschlich spielen. Zwar hat der Film
so seine Längen, doch das bissige Kopfduell der beiden Figuren wird zu keiner
Zeit langweilig. Die Muse ist durch und durch ein Filmtipp. Allein deshalb,
weil Genzel beweist, dass deutsches Independent Kino funktionieren kann.
HIER geht es zum Interview mit Regisseur Christian Genzel!
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