Dienstag, 9. Dezember 2014

Interview: Wulf Bengsch über Jury-Gedanken, Noah und sein Medienjournal - „Es gab eine Zeit, wo ich ans Aufhören gedacht habe.“

Der Filmtipp Award rückt näher. Welche Filme am Ende ausgezeichnet werden entscheide ich dann zusammen mit einer Jury aus Filmexperten. Einer davon ist Wulf Bengsch aus Essen, Betreiber der Seite Medienjournal. Seine Kritiken, seine Schauspielerportraits und vor allem der Media Monday sorgen wöchentlich dafür, dass sich lange Blicke auf sein Blog lohnen. Am vergangenen Montag feierte er den 180. Media Monday. Gleich doppelter Anlass also, ihm ein paar Fragen zu widmen.

Micha: Hi Wulf, erst einmal herzlichen Glückwunsch zur 180. Ausgabe des Media Mondays. Wie ich finde eine Reihe, die uns nicht nur ermöglicht Dampf abzulassen, nostalgisch zu werden oder zu huldigen, sondern auch klasse zum Netzwerken. Ich hoffe doch wir haben noch sehr lange etwas davon?!

Wulf: Hey Michael! Danke für die Glückwünsche erst einmal. Ich muss zugeben, dass ich immer noch baff bin, wie viel Anklang diese Aktion auch nach der langen Zeit noch findet und wie auch immer wieder neue Teilnehmer hinzukommen. Es gab tatsächlich mal eine Zeit, wo ich ans Aufhören gedacht habe und sogar schon entsprechende Abschiedsworte vorbereitet habe, aber letztlich habe ich es dank vieler wohlmeinender Worte dann doch nicht übers Herz gebracht, die Reihe einzustampfen, worüber ich natürlich im Nachhinein sehr froh bin, denn an ein Ende ist derzeit nicht zu denken, macht mir das wöchentliche Ausrichten und vor allem das Feedback, das ich dafür bekomme, doch immensen Spaß, so dass auch 2015 sicherlich niemand auf den Media Monday wird verzichten müssen.

„Ich hätte Amy Adams gewählt.“

Micha: Du bist Mitglied in der Jury meines kleinen Awards, den ich am Ende des Jahres vergeben möchte. Das freut und ehrt mich natürlich. Gibt es Kategorien, bei denen Du Dich jetzt schon festlegen könntest?

Wulf: Schwierig, da ich doch erschreckend wenige Filme gesehen habe, wie mir scheint, zumindest was die Nominierungen anbelangt. Ich versuche gerade noch ein wenig was aufzuholen, damit ich nicht überall Dallas Buyers Club wählen muss, plane zumindest noch The Wolf of Wall Street zu sehen, den ich sicherlich auch in einigen Kategorien favorisieren werde und habe mir zumindest – auch wenn die Rezension noch nicht online ist – jüngst American Hustle angesehen, wobei ich hier schon mokieren möchte, dass sich Amy Adams nicht unter den Nominierten in der Kategorie Beste Hauptdarstellerin befindet, die ich ansonsten sicherlich gewählt hätte.

Micha: Aus aktuellem Anlass habe ich den Spieß mal umgedreht und einen kleinen Media Monday für Dich vorbereitet:

1. Ich portraitiere Darsteller nicht nur textlich, sondern zeichne sie auch. Wenn ich eine Person portraitieren müsste, die für mich das Kinojahr 2014 geprägt hat, dann wäre das Matthew McConaughey, weil er eben nicht nur für seine Rolle in "Dallas Buyers Club" den wohlverdienten Oscar bekommen hat, sondern auch noch mit "Interstellar" in einem der meisterwarteten Filme des Jahres zu sehen war und sich fernab der großen Leinwand zudem noch in der HBO-Serie "True Detective" hervorgetan hat und nach vielen grandiosen Rollen in den letzten Jahren nun nachhaltig und unwiderruflich seinen Status als ernstzunehmender Schauspieler zu festigen wusste.

Nicht mein Fall, Wulfs aber schon: Noah (2014)
© Paramount
2. Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden. Wenn ich einen Blick auf Michas Liste der Nominierten werfe, kann ich ihm durchaus Filme empfehlen, die er bis zum Voting noch sehen sollte. Und zwar beispielsweise "Spuren", "Snowpiercer" und "Knights of Badassdom", wobei letzterer sicherlich keine Nominierungen nach sich ziehen wird, aber umso mehr für eine abwechslungsreiche Empfehlungsliste sorgt.

3. Unsere Meinungen zu Noah liegen offenbar deutlich auseinander. Vor allem hat mir an dem Film Aronofskys ihm eigene Interpretation des Stoffes, die archaische Lesart und der markante Fantasy-Touch gefallen, weil ich mit Bibel-Verfilmungen eigentlich herzlich wenig anfangen kann, mir aber die versteinerten Engel, der düstere Look des Films und die mystifizierte Geschichte doch sehr zugesagt haben, trotz des verkitschten Endes und einigen unnötigen Längen, die sich hätten vermeiden lassen.

4. Wenn Micha mir am Ende des Jahres die entgültige Nominiertenliste präsentiert, werde ich bei meinem Voting vor allem danach gehen müssen, welche Filme ich überhaupt schon gesehen habe, denn da ich in diesem Jahr meines Wissens nicht ein einziges Mal im Kino gewesen bin, muss ich mich ganz auf die Filme konzentrieren, die es mittlerweile auch schon zu kaufen gibt, wobei ich mich natürlich in den nächsten Wochen noch einmal bemühen werde, etwaige Wissenslücken zu schließen.

5. Wenn ich mir eine zusätzliche Kategorie aussuchen dürfte, dann wäre das vermutlich eine für Indie-Produktionen und Geheim-Tipps, denn vieles Sehenswertes schafft ja nun einmal leider nicht den Weg in unsere Kinos und da würde es sich anbieten, noch einmal eine gesonderte Nominierten-Liste zu schaffen, die nicht mit den üblichen Blockbustern konkurrieren muss. Alternativ könnte man den Ansatz der genre-spezifischen Nominierten (Endzeit, Found Footage…) weiter ausbauen und meinetwegen Krimis/Thriller oder Science-Fiction-Filme mitreinnehmen.

Wulfs Favorit? Matthew McConaughey in Dallas Buyers Club
© Ascot Elite
6. Wenn ich darauf angesprochen werde, was Euch auf medienjournal-blog.de im Jahr 2015 erwartet, antworte ich natürlich, dass ihr euch auf zahllose Kritiken jedweder Form freuen dürft und dass ich gerade in punkto Film noch einiges in petto habe, da ich gerade dabei bin, meinen Stapel ungesehener Filme zu reduzieren, doch auch die Schauspieler-Portraits plane ich als wöchentliche Serie fortzuführen, ebenso - wie oben schon erwähnt - den Media Monday, der euch und mir natürlich auch im nächsten Jahr erhalten bleibt!

7. Zuletzt gesehen habe ich "127 Hours" und das war beeindruckend, weil ich einerseits Danny Boyle Hochachtung zollen muss für die Art und Weise, wie er es geschafft hat, den Film spannend und unvorhersehbar zu halten, obwohl er in punkto Setting und Möglichkeiten doch eigentlich akut eingeschränkt war, andererseits, weil ich James Franco in letzter Zeit eigentlich nur in lustigen Rollen gesehen habe und beeindruckt war von der Hingabe, mit der er den Bergsteiger Aron Ralston verkörpert hat.

Micha: Dankeschön für Deine Zeit, Wulf. Und weiterhin viel Erfolg Dir und Deiner Seite. Ich bin gespannt über Deine Urteile am Ende des Jahres, auch wenn Noah wohl nicht gut abschneiden wird ;)

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